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Künstler trifft Nerv der Jugendlichen

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Foto-Künstler Thomas Moritz Müller eröffnete am 28. September gemeinsam mit jungen Katholiken die Ausstellung „Modern Sebastian“ im Jugendbildungshaus des Bistums Erfurt.

Normalerweise beginnen Wochenendseminare im Erfurter Jugendhaus „Sankt Sebastian“ am Freitagabend nach dem Abendbrot mit der Kennlernrunde und einer ersten thematischen Einheit. Diesmal jedoch ist alles anders. Die 15 teilnehmenden Jugendlichen bekommen weiße Handschuhe und werden gebeten, etwa sechzig gut in Pappkarton verhüllte Bilder aus einem Auto zu holen und in die Kapelle zu tragen. Dort werden sie alle erst einmal abgestellt und ausgepackt.

Zum Vorschein kommen große Fotos mit jungen Männern mit antikem Soldatenkostüm, im modernen Anzug, in Sportsachen, mit T-Shirt oder teilweise freiem Oberkörper. Die Jugendlichen betrachten zunächst diese ungewöhnlichen Aufnahmen, von denen einige scheinbar irgendwie zusammenhängen, aber alle noch völlig unsortiert nebeneinander stehen. Sie wählen jeweils ein Motiv aus, das sie besonders anspricht. Friedrich Wanierke (15, Erfurt) entscheidet sich beispielsweise für ein Schwarz-Weiß-Foto mit einem Jugendlichen im Halbportrait, weil er den Betrachter rückwärtsgewandt über die Schulter „irgendwie cool anschaut“. Auch die anderen bemerken, dass es jeweils der Blick der Hauptpersonen auf den Fotos ist, der irgendwie fesselt. Mal ist er zurückhaltend angepasst, mal rebellisch entschlossen, dann wieder verführerisch posierend oder träumerisch introvertiert.

Gastreferent Thomas Moritz Müller schaut gemeinsam mit den Jugendlichen die Fotos an, die alle in seinem Atelier entstanden sind. Bereits seit 2007 setzt sich der 65-jährige Foto-Künstler aus Esslingen in einem Fotoprojekt mit der Figur des Heiligen Sebastian auseinander. „Es ging mir darum, nicht einfach nur die Geschichte des römischen Soldaten, der damals aufgrund seines Glaubens von Bogenschützen hingerichtet werden sollte, in die heutige Zeit zu übertragen. Ich finde den Sebastian so spannend, weil er in der Kunstgeschichte bis heute immer wieder aufgegriffen wurde. Dabei gab es seit der Renaissance einen unerklärlichen Wechsel, weg vom leidenden Soldaten hin zum schönen Jüngling, dem die Pfeile scheinbar keinen Schmerz mehr zufügen“, erklärt der Künstler. So sind auch auf seinen Fotos junge Männer abgelichtet, allerdings aus unserer Zeit und kaum Pfeile oder Bogenschützen erkennbar. „Es geht mir um das Thema der Verletzlichkeit. Heutige junge Männer sind da besonders gefährdet und offener, sich damit auseinanderzusetzen als frühere Generationen. Trotzdem fällt es ihnen nicht immer leicht, ihre Verletzlichkeit auszudrücken“, hat Müller bei der Arbeit an diesem Projekt bemerkt. Er ließ seine Amateur-Models selbst entscheiden, wie sich in der jeweiligen Situation darstellen wollen. Die gebräuchliche Redewendung „ein Foto schießen“ bringt dabei sehr gut die zu Grunde liegende künstlerische Idee zum Ausdruck: Die Blicke der Kamera treffen das Fotoobjekt wie damals die Pfeile den Sebastian.

Nachdem die jugendlichen Seminarteilnehmer die einzelnen Kunstobjekte sortiert haben, beschäftigen sie sich in Kleingruppen jeweils mit einer Fotoreihe. Schließlich soll am Ende des Wochenendes eine Ausstellung in den Räumlichkeiten des Jugendbildungshauses entstehen, die von den Jugendlichen mitgestaltet ist. Sie legen selbst fest, welche Fotos dafür ausgewählt und an welcher Stelle sie aufgehängt werden. Dabei gehen sie sehr mutig an die Sache heran. So finden sich in der Kapelle jetzt drei Foto-Ensembles, die sich mit den Themen Ausländerfeindlichkeit, Burnout und sexueller Missbrauch innerhalb der Kirche beschäftigen. Im Kicker-Raum hängen Fotos mit einem „Sebastian“, der den gefühlsmäßigen Unterschied bei Sieg und Niederlage im Fußball zum Ausdruck bringt. Das die gesamte Ausstellung bestimmende Motiv verdeutlicht aber ein Bild am Eingang zum Jugendhaus. Es trägt den Untertitel „Sebastians Geheimnis“. Zu sehen ist das Portrait eines gefesselten jungen Mannes mit einer goldenen Maske – völlig ausgeliefert und trotzdem mysteriös.

Schnell bekommt man mit, wie unbefangen und herzlich der Künstler und die Jugendlichen miteinander umgehen. „Auch wenn ich schon sehr viel mit jungen Menschen gearbeitet habe, war so ein Wochenende etwas völlig Neues für mich“, gesteht Müller bei der Ausstellungseröffnung am Sonntagvormittag. „Wie macht man das am besten, habe ich mich auf dem Weg nach Erfurt immer wieder gefragt. Aber die Zweifel waren völlig unbegründet. Ihr habt wunderbar mitgemacht. Ich würde euch alle sofort casten“, ruft er den Teilnehmern abschließend zu. Auch diese sind sichtbar begeistert und bitten noch schnell um ein Autogramm des Künstlers. „Es ist schon etwas komisch: da war ich schon so oft im Jugendhaus mit dem Namen Sebastian und wusste bisher eigentlich kaum etwas über diesen Heiligen. Das hat sich jetzt geändert und in den Kunstwerken sehe ich auch viel mehr als vorher“, freut sich die sechszehnjährige Undine Zeisberg aus Meiningen. Nun sind alle Beteiligten gespannt, was die Gäste des Jugendhauses zu der Ausstellung mit dem Titel „Modern Sebastian“ sagen werden, die noch bis zum 25. Januar dort hängt.